Harambee oder Gapeka, wie wir in Kenia heißen, ist ja schon lange viel mehr als nur Schule. Es gibt zwei eigene Schulen, wo wir Schulerhalter sind, also auch alle Gehälter zahlen müssen, es gibt zwei Hybrid/Partnerschulen, wo wir einen bestimmten Betrag monatlich überweisen, damit die Schule mit diesem Geld kalkulieren und wachsen kann, ebenfalls über Patenschaften.

Daneben haben wir immer schon Augenmerk gelegt auf das Thema Landwirtschaft, wirtschaftliches Empowerment unserer Eltern und Gemeindemitglieder, Erste Hilfe in Form von Essenspaketen, Kleidung, Decken, es gibt einzelne kleine Projekte (oder auch größere) für die sich einzelne Paten verantwortlich fühlen, beispielsweise die Essensverteilung an „meiner“ Kirche einmal im Monat an Bedürftige, die komplett von meinem Mann finanziert wird. Oder jetzt das große Projekt Landwirtschaft in Langobaya, das sich unsere liebe Sarah ein wenig zu ihrem Fußabdruck erkoren hat.

Wir haben als Gapeka schon öffentliche Toiletten gebaut, Wasserleitungen verlegt, Wassertanks aufgestellt oder Hütten gebaut.

Das alles versteht man sicher, und wo immer es irgendwo fehlt, wo es sich dann doch nicht ausgeht, da springe ich ganz oft mit eigenem Geld ein.

Und dann gibt es noch – sicher manchmal verwirrend – so Dinge, die ich praktisch als Privatperson unterstütze. Zumindest tue ich das immer solange, bis ich weiß, ja, das wird was, da versenke ich kein Geld, das sollten wir fortsetzen. Dann bringe ich es manchmal vor den Vorhang, rede mehr darüber und lasse alle anderen teilhaben, in der Hoffnung, dass sich vielleicht andere finden, die dies gemeinsam mit mir zu „ihrem“ Fußabdruck machen.

Warum so herum und nicht gleich groß und öffentlich?

Ich möchte erst einmal ausloten, ob die Hilfe die richtige ist. Und – ich möchte vermeiden, dass Menschen, denn das ist leider manchmal der Charakter, von einer Blume zur nächsten fliegen, weil das jetzt gerade noch schöner klingt. Ich möchte vor allem auch vermeiden, dass Geld in unserer Basisarbeit dann fehlt. Also man unterstützt ein Projekt, den Schulausflug vom eigenen Patenkind kann man aber nicht zahlen. Oder die teurer werdende Schulgebühr.

Daher bleibt vieles offiziell einfach mal „mein Privatvergnügen“.

Angefangen hat es mit meinen Geburtstagskindern. Statt einer Party hier, statt Geschenken, schicke ich seit Jahren immer 20 Kinder, die nicht unserem Projekt angehören, Kinder aus sehr armen Randgebieten, für ein Jahr in die Schule. Heißt – Schuluniform, Schuhe, Schultasche, Hefte und ein Jahr die Schulgebühr. Keine Patenschaften, keine Finanzierung bis zum Ende der Schulzeit, kein Datenblatt und nur ein Jahr als Hoffnung für die Eltern, ihr wurdet nicht übersehen, nehmt es als Beginn von etwas, danach seid ihr gefragt.Und an Silvester, meinem Geburtstag, gibt es Torte und alle feiern mich.

Dann kam Rabai. Hier habe ich 2019 angefangen mit einer kleinen Vorschule, weil unserer damaliger CEO mir in den Ohren lag, so eine arme Gegend, so liebe Menschen, diese Vorschule ist so unbedingt notwendig, weil es sonst nichts gibt usw. Leider war vieles gelogen. Erstens gibt es überhaupt keinen Bedarf für diese Schule, es gibt in Gehdistanz drei gute öffentliche Schulen, zweitens war es ein Familienprojekt und es profitierten auch nur Familienmitglieder des damaligen CEO, ob es nun Gehälter waren oder die Tatsache, dass nur Kinder aus dem Großfamilienverband bevorzugt wurden. Noch während ich nachgedacht habe, wie man es anders machen könnte, grätschte ein deutscher Verein hinein und erhält bis heute mit Hilfe einer mafiösen Struktur genannt Huamwenga eine unglaubliche Korruption am Leben. Aber, es gibt rund 800 Familien, die leiden, die wirklich arm sind, die nichts dafür können und die mir ans Herz gewachsen sind.

Also kam 2023 dann das neue Konzept, ich zahle euch 800 Euro monatlich, ihr entscheidet demokratisch in der Gemeinde, welche Familie kommt diesen Monat dran, das Ziel, alle Familien können zumindest ein Kind zur Schule schicken. Auch hier, mein Geld, keine Patenschaften, keine unendliche Hilfe, sondern eine Initialzündung, ich transportiere sozusagen Hoffnung. Und es läuft so erstaunlich gut, dass ich hier mit Sicherheit weiter mache, vielleicht möchte ja jemand da draußen mit mir Rabai unterstützen.

Dann vor einem Jahr, Besuch im „Rescue Center“ in Kilifi, geleitet und aufgebaut von einem sehr charismatischen Mann, Mr. William. Hier finden Kinder, die per Gerichtsbeschluss kurzfristig untergebracht werden müssen, Gewalt in der Familie ist meistens der Grund, für bis zu 6 Monaten ein Zuhause. Manchmal findet man auch Säuglinge, die ausgesetzt wurden, Kinder, wo die Familienverhältnisse unklar sind, viele berührende Geschichten. Auch William bekommt von mir 800 Euro monatlich, eigentlich würde die Aktion jetzt im Februar auslaufen, aber ich hab  mal ein Jahr drangehängt. Auch hier – falls sich jemand angesprochen fühlt und hier seinen Fußabdruck der Menschlichkeit hinterlassen mag, sehr gern.

Und jetzt, ganz neu seit Weihnachten, 2 Familien, die mir unser Landwirtschafts-Officer David ans Herz gelegt hatte. Darüber hatte ich ja im letzten Blog geschrieben, „Friends For Friends“. Ich hab mich spontan beteiligt, sie haben sich jetzt umbenannt in „Friends of Gabriela“. Wir haben jetzt mal viele der Kinder aus beiden Familien in die Schule geschickt, mit einer Sammlung entsteht für die eine Familie eine neue Hütte, der Vater bekam medizinische Hilfe und eine Brille, der anderen Familie, gesegnet mit zwei Kindern mit Mikroenzephalie, haben wir den noch fehlenden Rest auf ein eigenes Grundstück gezahlt und hier werden wir helfen, ein kleines Landwirtschaftsprojekt ins Leben zu rufen, damit diese überaus sympathische Familie sich selbst versorgen kann – Wassertank, Saatgut, Unterricht. Auch hier kann man helfen, ich komme in Kürze mit konkreten Wünschen. Und hier werden Davids Freunde, die jetzt meine sind, ein engmaschiges Monitoring betreiben, Elternerziehung, Hygiene, tut etwas und überlasst euch nicht nur eurem Schicksal.

Alle diese Eigenmächtigkeiten mache ich, weil ich nicht wegschauen kann, weil ich aber Spendengelder zunächst einmal schützen möchte, bis ich weiß, ja, falls es schief geht, ist es nur mein Geld. Und weil ich auf keinen Fall Hilfe einfach verschieben will. Das Wichtigste von Harambee sind die beiden Vonwald-Schulen. Aber ich schaue gern über den Tellerrand, und falls jemand sagt, das wäre genau meins – herzlich Willkommen, es gibt immer genug zu tun.

Gabriela Vonwald

 

Gerade haben wir einen kleinen Film aus Kenia bekommen (zu sehen auf unserer offenen Facebook-Seite „Harambee“) mit Ausschnitten von Familienbesuchen. Vielleicht auch, weil sich das Jahr dem Ende zuneigt, hat mich das sofort zurückversetzt in so viele Szenen, die ich bei solchen Besuchen mittlerweile erleben durfte. Ich denke, für die Patinnen und Paten der Kinder, die besucht werden, ist das immer ein besonderes Highlight, wenn sie durch Fotos und Berichte „ihr“ Kind, seine Familie und die Lebensumstände etwas näher kennenlernen können. Ja, manchmal wird es dann „teuer“, weil z.B. ein Bett gebraucht wird, oder schlimmer noch, das Dach repariert oder gar eine Hütte neu gebaut werden muss. Aber alle können sich auch darauf verlassen – wir sammeln Spenden und im Zweifelsfall springt Gabriela Vonwald persönlich ein und finanziert alles Nötige.

Dass die Probleme der Familien überhaupt entdeckt werden, dass wir überhaupt die Möglichkeit bekommen, ihnen zu helfen, das verdanken wir zum größten Teil ihrem Einsatz. Nun habe ich ja seit einiger Zeit das große Glück, noch näher dran zu sein, ich war mittlerweile fünfmal vor Ort und durfte auch selbst schon Familien zuhause besuchen. Einige Male mit Gabi gemeinsam, einige Male auch „alleine“, also gemeinsam mit einer unserer Sozialarbeiterinnen und einem Fotografen. Mittlerweile habe ich etwas Übung, ich kenne den Ablauf, ich bin auf einiges gefasst. Ich versuche, mit ebenso wachsamen Augen von einer Hütte zur nächsten zu gehen, wie Gabi das tut. Ich versuche, dort hinzusehen, wo es sonst niemand macht. Ich versuche, die Schicksale zu begreifen und zugleich in Lösungen zu denken, wie Gabi das tut. Nun, immerhin versuche ich es.

Und es erscheint mir so selbstverständlich, weil Familienbesuche das Herzstück unserer Hilfe sind. Ja, heute gibt es zwei großartige Schulen, wunderbare Partnerschulen, Landwirtschaft, tolle Gebäude, … aber die unmittelbarste, allernötigste Hilfe ist die direkt in den Familien. Heute bei diesem Video ist mir dennoch richtig bewusst geworden, wie ungewöhnlich es ist, dass Gabi auch nach vielen Jahren bei jedem ihrer Aufenthalte vor Ort Familienbesuche macht. Nicht nur, weil Mitarbeiter, Vorstände – geschweige denn Gründer – anderer Hilfsorganisationen lieber in gut klimatisierten Büros oder Hotels herumsitzen, als in die Familien zu gehen, die in ihren Projekten „betreut“ werden. Ungewöhnlich auch nicht nur deshalb, weil Gabi 67 Jahre alt ist und Familienbesuche in Hitze, Staub und Dreck ein absoluter Knochenjob sind. Ungewöhnlich vor allem deshalb, WIE Gabi Familienbesuche macht.

Das sage nicht nur ich, sondern auch die Menschen vor Ort – Mama Karembo ist die Einzige, die wirklich zu uns kommt und zuhört. Das finden auch alle aus dem kenianischen Team, die schon einmal bei Familienbesuchen dabei waren. Nicht lange zu zögern, sondern einfach tun, in die Hütten gehen, Menschen umarmen, ihnen vertrauensvoll Hilfe anbieten und gleichzeitig liebevoll-streng ins Gewissen zu reden – das macht nur Mama Gabi. Und ganz besonders: Menschen in die Augen zu schauen. „Sie sieht uns wirklich“, das erstaunt alle am meisten. Ich kenne diesen Blick, kombiniert mit einer simplen Frage, bei dem man sich ganz plötzlich wie ein offenes Buch fühlt, und zugleich weiß, dass man Gabi Vonwald vertrauen kann. Ich kann nur sagen, diesen Moment vergisst man nicht.

In ein paar Wochen reisen gleich mehrere unserer Paten nach Kenia, auch sie wollen gern mit Gabi Familienbesuche machen. Vor meiner ersten Reise nach Kenia hat mir genau das am meisten Kopfzerbrechen gemacht. Klar war ich neugierig, aber auch sehr unsicher, wie es mir damit gehen würde. Würde ich das verkraften? Würde ich danach Albträume haben? In Tränen ausbrechen? Aber ich dachte, nun, wenn sie es mir zeigen will, dann nehme ich dieses Angebot natürlich an. Mittlerweile weiß ich ja, dass jede/r, der mit Gabi vor Ort ist und sich engagieren will, mal ins kalte Wasser geworfen wird. Nach dem Motto: Wie robust bist du, hältst du das aus?

Nun, offenbar bin ich robust genug, ich halte es nicht nur aus, sondern empfinde es als Ehre und Segen, das tun zu können. Dass Familien uns ihre Türe öffnen, mich in ihre Leben blicken und helfen lassen, macht mich sehr dankbar. Meine Tränen bei Familienbesuchen beschränken sich übrigens auf Freudentränen. Dann grinst unser Michael, der (nach seinem Vater Mr. Karani) Gabi schon von allen am längsten in die Familien begleitet, mich immer an und nickt wissend. Ja, gerade wurde wieder ein Problem gelöst, ein Schicksal gewendet, ein Leben gerettet. Gabi lässt das so einfach aussehen, aber es berührt mich sehr.

Ich werde meine ersten Familienbesuche nie vergessen. Einer der Buben, Joseph, ist mittlerweile „meiner“, weil er irgendwann danach seine Patin verloren hat und ich einfach nicht anders konnte. Wenn man bei jemandem zuhause war, und dieser Mensch braucht dann Hilfe – wie könnte man ihm diese Hilfe verwehren?

Sarah Eidler

 

Die Wochen vor Weihnachten sind einerseits geprägt von „Black Week“, „Super-Sonder-Weihnachtsspecials“ und „absoluten Tiefstpreisen“. Und andererseits blicken einen doch überall diese niedlichen Kinderaugen an, die gerade jetzt unbedingt Hilfe brauchen. Möglichst werbewirksam werden jetzt Schuluniformen, Schuhe oder Ziegen an den Mann oder die Frau gebracht – dafür gibt’s auch eine Urkunde, zum Behalten oder Verschenken, im trendigen Weihnachtsdesign mit Rentierschlitten, Christbaum, Wichtel und Co.

Manchmal wird mir das zu viel. Und ich denke, ich bin mit diesem Gefühl nicht allein. Wer helfen will, der tut es das ganze Jahr über. Wer einem Kind den Schulbesuch ermöglichen möchte, der muss dazu nicht auf Weihnachten warten. Ja, Werbung ist wichtig, aber noch wichtiger ist – Was steckt dahinter? Kommt die Hilfe auch wirklich an? Und zwar nicht einfach irgendwo, sondern dort, wo ich als Spender sie gerne haben möchte? Auch dann, wenn die Spende ein sinnvolles Geschenk für einen lieben Menschen sein soll, der sich dies wünscht oder „eh schon alles hat“.

Natürlich sammeln auch wir Spendengelder und ja, viele Menschen sind in der Vorweihnachtszeit eher geneigt, „etwas Gutes zu tun“. Umso größer ist unsere Verantwortung als Hilfsorganisation, dieses Vertrauen nicht zu missbrauchen. Denn auch Katastrophen warten nicht auf besondere Feiertage.

Gerade aktuell haben wir es geschafft, das Geld für 11 Hütten für Familien zu sammeln, die durch El Niño alles verloren haben, die kein Dach mehr über den Kopf haben und derzeit in unserer Notunterkunft in einer Kirche schlafen. Unsere Paten und Spender wissen genau, welche Familien diese Hütten bekommen, kennen die Hintergründe und Familiengeschichten. Es ist nicht einfach „irgendeine“ Familie, es sind Kinder, Eltern, Großeltern, deren ganz persönliche Schicksale uns berühren.

Eine unserer Ehrenamtlichen hat es kürzlich so treffend ausgedrückt: Es ist die Zeit der Herbergssuche und wir bauen Hütten. Ja, das ist doch sehr symbolträchtig, und auch Thema unseres heurigen Adventkalenders. (https://tuerchen.app/aGgL9KR12bBftZHt?fbclid=IwAR23d_LfcHR3viJfZGK4QxqAk-d6NbZW578Jh0rUNHmaPAFX-B0-kMgnt2Q).

Aber es wäre egal, zu welcher Zeit im Jahr. Wenn diese Unwetter nun im Mai passiert wären, dann sähe unsere Hilfe nicht anders aus. Denn wer schnell hilft, hilft doppelt.

Und wer das möchte, bekommt von uns natürlich ganzjährig eine Spendenurkunde, sogar mit Gütesiegel und steuerlich absetzbar. Wer also nicht „nur“ aus Herzensgüte spenden möchte, sondern auch aus steuerlichen Gründen, hat für 2023 noch dreieinhalb Wochen Zeit. Für alle österreichischen Spender trage ich dann Anfang des Jahres die Spendensumme direkt in Finanzonline ein, für Firmen und ausländische Sponsoren stellen wir gern Spendenquittungen aus. Eine gute Möglichkeit, selbst darüber zu bestimmen, was mit dem eigenen mühsam erarbeiteten (Steuer-)geld passiert…

Lasst uns die letzten Wochen des Jahres damit verbringen, möglichst vielen Familien eine Herberge zu bieten, eine Hütte zu bauen, ein Zuhause zu schaffen.

 

Mag. Sarah Eidler

Regen ist in Kenia eine sehr zwiespältige Sache.

Viele Monate von Dezember bis April fällt gar keiner, nicht ein Tropfen. Alles, was Wasser benötigt, verdorrt, Menschen stöhnen, müssen Wasser auf dem Kopf von immer weiter her tragen, weil das Grundwasser fällt, Brunnen versiegen. In manchen Landstrichen regnet es auch schon mal zwei oder drei Jahre gar nicht, Tiere müssen verkauft werden, weil man sie nicht mehr durch die Dürre bringt.

In Kilifi, an der Küste, gab es dieses Jahr ein spektakulär gutes Regenjahr. Mit heftigen Regenfällen im Mai, dann viele Wochen angenehm und ideal für Landwirtschaft, was wir eifrig getan haben, alles sollte gut sein.

Vor einer Woche nun wurde schon El Nino angekündigt. In Erwartung haben wir schon zweimal Familienbesuche abgesagt, heftiger Regen, aber noch kein El Nino.

Und jetzt, als wir schon glauben, okay, kommt nicht mehr, regnet es heftig seit 20 Stunden. Und wie immer heißt das auch – Erde rutscht weg, Zäune fallen um, ein Stück einer Stiege bricht weg. Unser Mr. Chai macht schon seit der Früh seine Runden, ich bekomme im Minutentakt die Schäden auf mein Handy, und es wird wohl darauf hinauslaufen, dass ich heute noch zur Bank fahre, eine größere Summe Geld abhebe (mein privates), für morgen werden Arbeiter bestellt und Material und es wird alles wieder repariert und befestigt. Und so sehr mich das natürlich nervt (ich würde mein Geld lieber anders ausgeben), das war mal meine Schule und ich fühle mich selbstverständlich verantwortlich.

Nur, es ist bei diesem Regen etwas ganz anderes, das mich fertig macht.

Schon seit gestern abends, als es angefangen hat, denke ich an die besuchten Familien in ihren Hütten. Kinder, die mit den Tieren gemeinsam unter etwas schlafen, das kaum als Dach mehr zu erkennen ist. Kein Bett, keine Matratze, manchmal ein Stück Stoff drunter, nach 5 Minuten ist alles nass, aufgeweicht, inklusive Lehmboden, es spült die Exkremente der Tiere durch. Es wird nachts durchaus kalt, Kinder tragen nur, was sie am Leib haben, sind natürlich erkältet. Die Pfützen überall eine Brutstätte für Malaria-Mücken, die wieder vor allem die Kleinsten gefährden.

Unsere Weihnachtssammlung ist daher neben einem Essenspaket – Betten bitte. Man liegt dann wenigstens nicht im Regen.

Und ich sagte es auch – viele unserer Kinder sind Bettnässer, wir brauchen daher immer häufiger so genannte Mackintosh, also Auflagen auf die Matratzen. Denn bei diesem Wetter trocknen die nicht. Diese Auflagen kosten 20 Euro, gibt es überall, hier in Kilifi an jedem zweiten Stand, eine Volksseuche geradezu, ich sehe beispielsweise am Beginn eines Schuljahres, wenn die Kinder irgendwohin in eine Boarding aufbrechen, da werden viele davon gekauft. Auch meine Betty war betroffen. Daher bitte – helft uns mit Essen, Betten, Matratzen und Matratzenauflagen. Ich höre, dass es auch in Österreich gerade schüttet wie aus Kübeln. Aber unsere Kinder schlafen in einem Bett und haben ein Dach darüber.

Und ich werfe mich auf die Schäden an der Schule.

Gabriela Vonwald

 

 

Schon von weitem liegt Kalksteinstaub in der Luft, alle Pflanzen am Weg mit einer weißen Schicht überzogen, erschöpfte Arbeiter am Strassenrand, viele LKW auf dem Weg oder soll es eine Strasse sein? Rechts und links wird Kalkstein abgebaut, die berühmten „coral blocks“, mit der hier alle Häuser gebaut werden. Knochenarbeit für erwachsene Männer. Ich weiß, irgendwo nicht weit, ist das Meer, aber alles um mich herum ist wie die Vorhölle und ich fürchte mich vor dem Augenblick, wo ich aus dem Auto aussteigen muss. Und hier soll eine Familie leben?

Ich erlebe seit 17 Jahren bei Familienbesuchen so einiges, viel Armut, familiäre Gewalt, verworrene Verhältnisse und immer leiden die Kinder. Aber wenigstens gibt es Bäume, Gras, Tiere, irgendwas, an dem das Auge sich ausruhen kann. Hier tun mir sofort die Augen weh, als ich das Auto mit den getönten Scheiben verlasse. Man wird von diesem gleißenden Weiß fast schneeblind, der Staub legt sich auf Nase, Augen, Lunge – auch nicht ungefährlich.

Und hier lebt sie also, die Familie von Evans, einem 10jährigen Buben, der täglich 8km Schulweg in Kauf nimmt, einfach weil er es nicht mehr ausgehalten hat, nicht lernen zu können. Und er ist Klassenbester. Er steht um 5 Uhr auf und ist um 8 Uhr in der Schule, das Gleiche abends zurück. Und er hält das durch seit Jahren. Wie groß muss der Wunsch sein, nein, kein Wunsch mehr, da hat jemand ein Ziel ganz fest vor Augen. Unglaublich für solch ein Kind.

Wir steigen aus und 6 Kinder kommen uns entgegen, dazu das Elternpaar, einen Säugling im Arm. Alle Kinder freundlich, aktiv, aber dennoch irgendwie mit der Umgebung verwachsen, keine Farbe in den Augen, zugedeckt mit Staub. Dazu ein kleines Steinhaus, als wir später hineingehen – da ist nicht. Und wenn ich nichts sage, dann meine ich das so. Eine Matte am Boden, fertig. Wo kocht die Familie, was spielen die Kinder, alles hier ist im Grunde menschenfeindlich. Sie besitzen nur das T-Shirt, das sie tragen, keine Spielsachen, nichts.

Wir versuchen bei diesem Besuch für Evans eine Lösung zu finden, wie wir ihm diesen unglaublichen Schulweg abkürzen können, Pastorin Riziki, die Schulleiterin, würde ihm erlauben, in ihrem Zuhause zu schlafen (die Frau besitzt selbst nichts als eine Matratze), wir kaufen ihm ein Fahrrad, Montag bis Freitag abends bei ihr, dann heimradeln.

Und ja, eine Lösung wäre das. Er freut sich, aber doch nicht so wirklich. Die Freude kommt nicht in seinen Augen an. Weil es eben nur eine Lösung für ihn ist, nicht für seine Geschwister.

Was also tun. Wir reden mit dem Vater. Michael vor allem, von Mann zu Mann. Wir werden einen Raum mieten in Tezo, das kostet ungefähr 10 Euro monatlich (falls der Papa hier sein Versprechen bricht, daran wird es nicht scheitern, dass wir es übernehmen). Und dann können 4 der Kinder in die Schule (drei sind noch zu klein). Betten werden angeschafft, zwei der beiden anderen Kinder haben sofort Paten gefunden, nur Amos sucht noch.

Und Evans wird sein Fahrrad dennoch bekommen. Er ist mein Held. Er hat nicht nur für sich selbst bewiesen, was Zielstrebigkeit heißt, er hat auch für seine Geschwister die Tür zur Bildung aufgemacht.

Gabriela Vonwald

In wenigen Stunden fliegen Sarah und ich wieder nach Kenia, im Koffer über 100 Briefe mit kleinem Inhalt unserer Paten und eine lange To-Do-Liste.

Wer am Sonntag Podcast gehört hat, der weiß ja, wie die Aufenthalte so in etwa ablaufen. Diesmal werden wir uns wohl ein wenig aufteilen, denn der größte Brocken werden die Familienbesuche sein, gleichzeitig gibt es aber unglaubliche viele Besprechungen, denn Oktober/November ist immer die Zeit, wo auch das Budget für das nächste Jahr diskutiert werden muss. Jetzt mit der neuen Schule kommen ja noch einmal viele Dinge dazu, die beachtet werden müssen.

Und ich hatte ja mal gesagt, dass ich die Familienbesuche für mich persönlich reduzieren will. Soweit die Theorie. Aber ich möchte es persönlich schaffen, möglichst viele der neuen Familien der Bright Academy zu besuchen, außerdem auch einige Familien von Kindern, die in externe Schulen gehen.

Warum überhaupt Familienbesuche, kann man nicht einfach mit den Kindern in der Schule plaudern?

Man kann sagen, meine gesamte Tätigkeit in Kenia hat mit Familienbesuchen begonnen, damals noch mit meinem guten Freund Mr. Karani, im Taxi und viel, viel zu Fuß. Bis heute ist mir das wertvoll, denn nur hier sehe ich den Hintergrund dazu, wie unsere Kinder leben, aus welchem Umfeld sie kommen, mit welchen Alltagsprobleme die Familien zu kämpfen haben.

Ich höre zu, schaue hin, umarme und nehme auf den Schoß. Und zeige den Menschen auch, dass ich nicht in einem Glaspalast irgendwo sitze, sondern zu ihnen komme. Sie können mich anfassen, ihre Sorgen vortragen, mir ihre Hütten zeigen. Und was ich oft scherzhaft sage, alles sehn – „ja, die lebt noch“.

Daher freue ich mich auch diesmal darauf besonders. Und gern nehme ich alle Paten dabei immer mit und erzähle in unserer Facebook-Patengruppe dann, was wir so alles gesehen und erfahren haben und was das jeweilige Kind dringend braucht.

Wer noch nicht Pate oder Patin ist – jetzt wäre ein richtig guter Zeitpunkt.

Gabriela Vonwald